Der Ort, der Schlammhausen war...

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Ein eigenes Bad mit Wanne und fließend Warmwasser, ohne Boiler oder Kohlendreck. Eine Zentralheizung, die einfach nur aufgedreht werden muss. Kein Bibbern mehr während des nächtlichen Gangs zum Klo auf der halben Treppe. Frühstück auf dem eigenen Balkon. Für viele Leipziger war eine Wohnung in Grünau ein kleines Paradies. Weg vom Kachelofen und von bröckelnden Mietshäusern, rein ins größte Neubaugebiet der Stadt. Hier gab es in den 70er und 80er Jahren schon alles, was derzeit in der Messestadt für Gesprächsstoff sorgt. Neuseenland? Pah, das hatten die Grünauer mit ihren riesigen Pfützenlandschaften auch. Großbaustellen wie der Citytunnel? Ein Witz angesichts all der Gruben, Bauarbeiter und Behelfswege, die zwischen Wohnkomplex 1 und 8 über die Jahre entstanden und verschwanden. Schlammhausen nannten die Grünauer einst ihre Heimat. Lang ist es her.

Kleines Glück in großen Blöcken

Das Erscheinungsbild hat sich stets gewandelt. Irgendwo wurde hier immer gebaut oder rückgebaut. Irgendwie ging es immer voran. Doch in diesem Sommer schauen die Anwohner mal zurück. 30 Jahre Grünau sind zu bestaunen. Grund zum Erinnern und Feiern. Am Wochenende steigt deshalb das 13. Schönauer Parkfest, der Höhepunkt des Jubiläumssommers.

Pünktlich zum runden Geburtstag des Plattenbaugebiets erscheint auch eine neue Publikation beim Verein Pro Leipzig: "Grünau - Fotolesebuch". Die Journalistin Maya Kristin Schönfelder skizziert mit kurzen, prägnanten Sätzen die Geschichte des Stadtteils, befragt die Bewohner, fängt Stimmungen ein. "Man sieht über die Felder bis zum Horizont. Es ist viel schöner als unten", schwärmt eine Frau, die im achten Stock wohnt. Eine andere: "Alle reden immer davon, dass die Hausgemeinschaften in Grünau heute nicht mehr das sind, was sie mal waren. Ich bin erst 1991 zugezogen. Wie es vor der Wende war, weiß ich also nicht. Heute muss sich alles rechnen. Das verändert auch das Zusammenleben."

Schönfelder sammelt schreibend Einblicke. Kirschner tut das Gleiche auf seine Art: Mit dem Blick des erfahrenen Fotografen fängt er den Alltag ein, von der Zeit des Baubeginns bis zur Gegenwart. Bilder, die oft mehr sagen als tausend Worte. Bilder von planschenden Kindern in Pfützen, von der Schülerdisko in der 84. Polytechnischen Oberschule, von Tischtennisspielen in der Wilhelm-Pieck-Allee, von Wohngebiets- und Hausgemeinschaftsfesten. Kurzum: Bilder vom kleinen Glück zwischen großen Betonblöcken. Schönfelder und Kirschner wohnen selbst seit 1981 in Grünau. Und das merkt man ihrem Buch an. Es ist mit Liebe zum Detail gemacht.

Vor hundert Jahren war Grünau noch das, was seine Name beschreibt - eine grüne Au. Feld, Wiese und Wald. Der Unternehmer Rudolf Sack betrieb hier seit 1888 eine landwirtschaftliche Versuchsanstalt. 1914 entstanden die ersten Häuser der Kirschbergsiedlung. In den 20er Jahren wurden die ersten Gebäude der Siedlung Grünau errichtet, in den 30ern die Wehrmachtskaserne bei Schönau, die später von sowjetischen Soldaten belegt wurde. Am westlichen Rand Grünaus fraßen sich seit 1937 die Bagger ins Erdreich, in den 70er und 80er Jahren wurde aus dem Restloch der Kulkwitzer See mitsamt Naherholungsgebiet. Der neue Stadtteil, der seit 1976 vom Osten her bis an den Rand des Sees wuchs, sollte ein gewaltiges Stück zur Lösung des Wohnungsproblems in der DDR beitragen. Es musste schnell gehen, pragmatisch. Also: Plattenbau. Zehn Jahre nach Baubeginn lebten 90 000 Menschen hier.

Nach der Wende veränderte sich die Bevölkerungsstruktur. Viele zogen weg, in restaurierte Gründerzeithäuser der City oder in Eigenheimsiedlungen, die an den Rändern Leipzigs wie Pilze aus dem Boden schossen. Grünaus Einwohnerzahl sank, 1999 waren es nur noch 66 400. Etliche Hochhäuser und Sechsgeschosser mussten abgerissen werden. Wer heute zwischen den Blöcken spazieren geht, sieht nicht selten leere Fenster.

Von 90 000 auf 50 570 Bewohner

Wie viele Menschen wohnen derzeit überhaupt noch hier? "Momentan sind es 50 570, inklusive Schönau, aber ohne Lausen", sagt ein Sprecher des städtischen Statistikamtes. Zu den 50 570 gehört auch Elke Göbel, Grünauerin mit Herz und Seele. Die Wohnung im WK 8 sei gut, ruhig und günstig, der Kulki um die Ecke, ausreichend Läden ebenso, lobt sie. "Für mich ist das alles bestens." Unterstützt von ihrem Sohn Jan, einem Computer-Ass, und dem Verein Komm in der Binzer Straße, betreibt sie im Internet die Seite www.30-jahre-gruenau-de, "um Positives darzustellen und Negatives anzusprechen." Zu Letzterem zähle auch folgendes Problem, so Göbel. "Es gibt an vielen Straßen Büsche, die mittlerweile so hoch sind, dass ich als Autofahrer nicht sehe, wenn plötzlich ein Kind auf die Straße läuft." Weil Anrufe beim zuständigen Tiefbauamt nichts gebracht haben, fotografierte sie kurzerhand die wuchernden Pflanzen und stellte sie ins Netz. Karl-Heinz Gerber vom Tiefbauamt sagt auf Nachfrage: "Wir sind jetzt dabei, diese Flächen zu mähen." Göbel wird das genau verfolgen. "Wichtig ist, dass solche Dinge angesprochen werden. Sonst tut sich nichts", sagt sie. "Und in Grünau soll sich ja noch eine Menge tun. Schließlich ist und bleibt es unser Zuhause."

Lesetipp: Maya Kristin Schönfelder, Harald Kirschner: Grünau - Fotolesebuch, Pro Leipzig, 112 Seiten plus Spaziergangsplan, 17 Euro - www.proleipzig-buecher.de
Leipziger Volkszeitung - Peter Krutsch, Alexander Weise [22.08.2006]

Zeittafel
  • November 1973: Abschluss des städtebaulichen Wettbewerbs für das Wohngebiet Grünau.
  • Oktober 1973: Im Wohnungsbauprogramm der SED wird das Ziel formuliert, bis 1990 in der DDR zwischen 2,8 und drei Millionen Wohnungen zu errichten.
  • Juni 1976: Grundsteinlegung für Grünau durch den Oberbürgermeister Karl-Heinz Müller an der Gärtnerstraße 179 im heutigen Wohnkomplex (WK) 1.
  • 1976: Aufschüttung der Halde bei der Schönauer Wiesenlache.
  • Juni 1977: Fertigstellung der Brnoer Straße, heute Brünner Straße.
  • September 1977: Die erste Schule im WK 1 ist fertig.
  • November 1977: Im WK 1 wird die erste Wohnung bezogen.
  • 1978: Baubeginn des WK 2 und WK 3.
  • März 1978: Die erste Kaufhalle öffnet.
  • Mai 1978: Übergabe des ersten Innenhofes im WK 1.
  • Juli 1978: Erste Postfiliale.
  • Oktober 1978: Die erste Turnhalle wird fertig.
  • Dezember 1978: Die erste Wohngebietsgaststätte "Treffpunkt Grünau" in der Schönauer Straße öffnet.
  • 1979: Baubeginn des WK 4.
  • März 1979: Das erste 16-geschossige Punkthochhaus wird begonnen.
  • April 1979: Premierenfahrt der Straßenbahn zur Endhaltestelle der Linie 1.
  • Ab April 1979: Einführung der Wohnungsbauserie (WBS) 70 mit sechsgeschossigen Häusern ohne Aufzug.
  • Mai 1979: Die 5000. Wohnung ist fertig.
  • Oktober 1979: Übergabe der ersten Wohnung im WK 3.
  • 1980: Baubeginn des WK 5.
  • Dezember 1980: Die S-Bahn-Haltestelle an der Wilhelm-Pieck-Allee, heute Stuttgarter Allee, wird erstmals genutzt.
  • 1981: Baubeginn WK 7.
  • März 1982: Eröffnung der Volksbuchhandlung in der Wilhelm-Pieck-Allee, heute Stuttgarter Allee.
  • Juli 1982: Leipziger Künstler gestalten Transformatorenhäuschen.
  • Dezember 1982: Eröffnung des Jugendklubs "Völkerfreundschaft".
  • 1983: Baubeginn WK 8.
  • März 1983: Übergabe der 25 000. Wohnung.
  • Juni 1983: Grundsteinlegung für das katholische Gemeindezentrum.
  • Oktober 1983: Einweihung von Pauluskirche und evangelischem Gemeindezentrum.
  • Juni 1984: Die S-Bahn-Direktverbindung von Grünau zum Hauptbahnhof steht. Ein Umsteigen in Plagwitz ist nicht mehr nötig.
  • Oktober 1984: Erste Bibliothek.
  • September 1985: Brand in der Schönauer Kirche.
  • 1988: Ende des Plattenwohnungsbaus in Grünau.
  • August 1990: Eröffnung des Massa-Marktes an der Stuttgarter Allee.
  • 1991: Abzug der sowjetischen Truppen aus der Kaserne in Schönau.
  • Oktober 1993: Wiedereinweihung der Schönauer Kirche.
  • September 1994: Erstes Schönauer Parkfest.
  • Januar 1995: Eingemeindung von Lausen.
  • Juni 1995: Grundsteinlegung für das Allee Center, das 1996 eröffnet.
  • 1999: Erster Gebäudeabriss eines Hochhauses an der Kreuzung Schönauer Straße/Lützner Straße.
Weitere Informationen sowie Artikel im Magazin Grün-AS auf www.kulkwitzersee.com:
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•  Weitere Jahrgänge des Grün-AS: Ausgaben der Jahre 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006 sowie Jahrgang 2007
•  Internetseite der Leipziger Volkszeitung (LVZ) auf www.lvz-online.de, u.a. auch mit aktuellen Artikel aus Leipzig und Grünau
Weitere interessante Informationensbereiche finden Sie auf www.kulkwitzersee.com:
•  Beiträge über den Stadtteil Grünau und wissenswerte Informationen finden Sie in einem unfangreichen Archiv unter www.gruen-as.de.
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•  Die Flora und Fauna des Kulkwitzer See's: Bereich Pflanzen sowie Bereich Tierwelt von Dr. Leonhard Kasek
•  Allgemein: Spaziergang rund um See, Historisches, Aktuelle Veranstaltungen am Kulkwitzer See oder auch Digitale Grußkarten vom See
Weitere Links und Informationen im Magazin Grün-AS auf www.gruen-as.de:
•  Magazin Grün-AS Juni 1996: 20 Jahre Grünau - Entwicklung in Fakten - Teil 1 und Teil 2
•  Magazin Grün-AS Juni 1996: Ein Grünauer erinnert sich: "Von Schlammhausen in die Grüne Aue"...
•  Magazin Grün-AS November 2001: Kletterfels "K4" im WK8 eröffnet
•  Magazin Grün-AS 42/2004: GRÜN - LEBENDIG - ANDERS - Stuttgarter Allee, ein Stück Grünau... - Teil 1 und Teil 2
•  Magazin Grün-AS 10/2004: Good Bye Platte - Homage an das Leben im 16 Geschosser - Teil 1, Teil 2 sowie Teil 3
•  Magazin Grün-AS 10/2004: Ein PH 16 meldet sich zu Wort: "Sieben meiner Geschwister sind schon tot...!"
•  Historisches - Der Stadtteil Grünau, Historisches - Wie Grünau zu seinem Namen kam und 30 Jahre Leipzig-Grünau - Ein Rückblick auf die letzten Jahre
Letzte Änderung dieser Seite: 19.02.2008 02:38 • © 2006-2010 GFECSImpressumW3C valid HTML 4.01Zum Seitenanfang