Schulzoo ab Silvester dicht
Hobbyzoologen geben nach 16 Jahren ihre Einrichtung auf
Uwe Wurlitzer ist frustriert. Und das aus gutem Grund. Zurzeit ist der junge Mann dabei mit seiner Freundin Caroline
Schreiber das zu zerstören, was er 16 Jahre lang in liebevoller Kleinarbeit mit viel Engagement und privaten Geldern
selbst geschaffen hat. Den Schulzoo in der Binzer Straße - ein in Leipzig einmaliges Projekt - wird es bis Jahresende
nicht mehr geben. Die Ursachen dafür sind vielschichtig.
» Das liegt zum einen ganz klar am fehlenden Geld. Wenn dir die Stadt einfach die Fördermittel streicht und die
Finanzierung nur noch mit Spenden und Vereinsmitgliedsbeiträgen steht und fällt, wird es natürlich richtig eng. Ein
sinnvolles Arbeiten, das letztlich auch Spaß machen soll, ist so kaum noch möglich. Die letzten Jahre waren ein
einziger Kampf «, sagt Wurlitzer, der selbst bis zu 4000 Euro jährlich investiert hat, um den Zoo und damit auch das
soziale Engagement für Kinder und Jugendliche im Stadtteil zu erhalten.
Dies war das eigentliche Anliegen der Einrichtung: Ein Angebot für Schüler zu schaffen, damit diese von der Straße
wegkommen, sich sinnvoll und positiv beschäftigen. Und was liegt da näher als der Umgang mit Tieren? » Bei uns konnten
die Kids von der Pike auf lernen, was es heißt Verantwortung zu übernehmen. Meine Tante, stellvertretende Direktorin
an der 96., hat diesen Zoo 1990 an ihrer Schule gegründet. Ich war von Anfang an dabei. Damals gab es nur den Oscar «,
erinnert sich der Grünauer. Oscar, das war das erste Meerschweinchen und es blieb nicht lang alleine. Es kamen neue
Tiere hinzu, wurden gekauft, getauscht und selbst gezüchtet, bis der kleine Zoo, der seit 1992 in der Binzer Straße
beheimatet war, am Ende über 50 verschiedene, vorrangig exotische Säugetiergattungen aufzuweisen hatte. So
ausgefallene Säuger wie Feuerwiesel, Hamsterratten oder die putzigen Kleinen Igeltanreken fanden im Keller
der 78. Grundschule ein neues Zuhause.
Dort wurden aber nicht nur Ställe und Außenanlagen gebaut, Terrarien angelegt und die Tiere versorgt. Der Schulzoo
unterhielt darüber hinaus enge Kontakte zu anderen zoologischen Einrichtungen. Und nicht zuletzt wurde mit den Kids
richtig wissenschaftlich gearbeitet. » Wir haben alles dokumentiert, die Kinder haben Vorträge und Führungen
veranstaltet oder beispielsweise Zuchtbücher angelegt. Wir hatten im Laufe der Jahre einige Zuchterfolge. So weit
ich weiß den ersten von Waldhamsterratten in einem Zoo «, erzählt Caroline Schreiber von den täglichen Aufgaben,
die alle Mitstreiter selbstverständlich ehrenamtlich versahen.
Mit ihrem Engagement scheiterten sie jedoch zunehmend am Desinteresse von Kindern, Eltern und Pädagogen, die das
Angebot Schulzoo nur sehr selten oder gar nicht mehr wahrnahmen. Waren es in guten Zeiten noch 50 Kinder pro Woche,
kommt nun nicht einmal mehr die Hälfte und die oftmals auch nur noch sporadisch. Dies sei ein weiterer Grund gewesen,
aufzugeben, meint Uwe Wurlitzer enttäuscht. Denn: » Wenn ich mich nicht auf die Kinder verlassen kann und auch die
Eltern nicht mitziehen, ist es unmöglich, ein solches Projekt fortzusetzen. So etwas braucht Kontinuität und nicht
ständig wechselnde Helfer. « Nachdem im vergangenen Jahr auch noch ein aufwendig gestalteter Spendenabend am Unwillen
potenzieller Geldgeber scheiterte, die Besucherzahlen drastisch in den Keller gingen und Jugendliche unter Alkohol
über die Stränge schlugen, stand für den einstigen Mitbegründer im November 2005 fest, dass er das Handtuch wirft.
Ein halbes Jahr später verließen die ersten Tiere die Einrichtung. Die meisten wurden an befreundete Zoos und
Bekannte abgegeben, andere, seltenere Exemplare aber auch verkauft.
Mittlerweile ist es leer geworden im Keller der Schule. Bis Jahresende wird die Kaninchenwand im Garten abgerissen,
die Terrarien entfernt und der Keller für die Nachnutzung beräumt. Es soll jetzt alles ganz schnell gehen, ist sich
das junge Paar einig. Vier Wochenenden werden die Aufräumarbeiten noch andauern. » Am 31.12. ist hier definitiv
Schluss «, meint Uwe Wurlitzer sichtlich bewegt. Dass er am Silvesterabend dem einstigen Schulzoo einen Besuch
abstatten wird, weiß er heute schon.
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