1365 Wohnungen vor Abriss

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In Grünau haben die Bagger im nächsten Jahr viel zu tun / Konzept der Stadt verzögert sich

Obwohl die Stadtverwaltung noch immer kein gültiges Konzept für Grünau hat, sollen dort im nächsten Jahr 1365 Wohnungen abgerissen werden. Sie befinden sich alle in den Wohnkomplexen (WK) 5.2, 7 und 8. Der dickste Brocken ist die so genannte Eiger Nordwand der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB). Der endlos lange Elfgeschosser in der Neuen Leipziger Straße 2-28 verfügt über 550 Quartiere, die bereits weitgehend geräumt sind. Die Fernwärme wurde abgestellt. Noch verbliebene Mieter erhielten Stromheizungen. Die Eiger Nordwand ist das "letzte große Abbruchvorhaben der LWB in Grünau", versichert Firmensprecher Gregor Hoffmann.

Außerdem kommen 2007 die Miltitzer Allee 2a-g (Genossenschaft Unitas, 250 Wohnungen), Uranusstraße 7-21 (Vereinigte Genossenschaft, 64 Wohnungen), Brackestraße 24-34 (Genossenschaft Lipsia, 275 Wohnungen), Uranusstraße 27-33, Ulmer Straße 14-18 und Heilbronner Straße 10-14 (alles Genossenschaft Wogetra, 226 Wohnungen) weg. Die Wogetra-Vorhaben starten erst zum Jahresende, erklärt Vorstand Gerd Köhler. Besonders tragisch sei das Schicksal des Elfgeschossers in der Uranusstraße, räumt er ein: "Das war kein gutes Geschäft." Bekanntlich wollte die Genossenschaft dieses Haus einst zu einem Beispiel gelungenen Stadtumbaus herrichten. Für fünf Millionen Euro sollten Etagen teilweise abgebrochen werden und an ihrer Stelle Terrassen für die Mieter entstehen. Jedoch gab es dafür weder Fördermittel noch Kredite. Also schnitt die Wogetra vor zwei Jahren ein Drittel des Blockes senkrecht ab und legte über dem Keller dieses Bereichs eine Wiese an. Detlef Pfeil kann nicht verstehen, weshalb an dieser Wiese bald wieder Bagger anrücken werden, um den Rest des Gebäudes zu zerstören. "Wir haben hier am Jupiterzentrum ein Ärztehaus, zwei Apotheken, zwei Kaufhallen - alles, was gebraucht wird", sagt der schwerbeschädigte Bewohner. "Wenn ringsum immer mehr abgerissen wird, müssen die Kaufhallen schließen. Dann zieht hier niemand mehr her."

Sein Nachbar Rolf-Dieter Splett spricht von einer "absoluten Fehlplanung der Stadt". Vor fünf Jahren habe die Kommune den zentralen Platz des Jupiterzentrums für 700 000 Euro gestalten lassen. In der Mitte entstand als Skulptur eine zwei Meter dicke Sonne, deren Lampe wegen Vandalismusschäden fast nie geleuchtet hat. "Am Ende wurde die Sonne zubetoniert. Rings um den teuren Platz stirbt ein Haus nach dem anderen weg." Groll auf ihre Genossenschaft hegen weder Splett noch Pfeil. "Die Wogetra hätte unseren Elfgeschosser saniert, aber die Banken ließen ihr keine Chance", meint Splett." Außerdem hat der Vorstand versprochen, dass niemand im Stich gelassen wird", ergänzt Pfeil: "Nicht bei der Wohnungssuche und auch nicht beim Umzug." Beide hoffen, in ihrem Viertel etwas Neues zu finden.

Damit die Genossenschaftsmitglieder möglichst schnell und entsprechend ihrer Wünsche vermittelt werden können, nutzen die Wogetra, Unitas und Vereinigte nun eine gemeinsame Vermietungsplattform. "Zusammen haben wir in Leipzig über 21 000 Wohnungen", erläutert Vorstand Gerhard Seydewitz von der Vereinigten. "Wir ergänzen uns gut bei den Angeboten - etwa für seniorenfreundliches Wohnen." Auch Lipsia und Baugenossenschaft sind so eine Partnerschaft eingegangen, kommen gemeinsam auf 20 000 Quartiere. Die Baugenossenschaft bleibe bei ihren Plänen, im Jahr 2008 an der Brackestraße 544 Wohnungen abzureißen, so Vorstand Ullrich Dietel. "Allerdings haben wir die Proteste der Betroffenen sehr ernst genommen und Beschlüsse gefasst, um die sozialen Probleme zu lösen. Das reicht von Malerarbeiten über die Bindung einer Umzugsfirma bis zum Anbringen von Lampen für unsere älteren Mitglieder." Unterdessen verschieben die Planer im Rathaus die Vorlage ihrer "Stadtumbaustrategie Grünau 2020" immer weiter nach hinten. Neuer Termin für die Diskussion des Konzepts im Stadtrat ist der März 2007.

Teufelskreis - von Jens Rometsch

Die Grünauer sind wirklich nicht zu beneiden. Alle Jahre wieder erklären sie, dass sie ihr Viertel lieben, dass das Vereinsleben bunt und die Infrastruktur ausgezeichnet sind. Dennoch erscheint mit gleicher Regelmäßigkeit eine Horrorzahl: wie viele Wohnungen im nächsten Jahr abgerissen werden. Für 2007 lautet die Zahl 1365. Sie ist Schwindel erregend hoch. Schuld an der Misere sind vor allem gesetzliche Regelungen. Gerade finanzschwachen Wohnungsunternehmen bleibt nichts anderes übrig als abzureißen. Nur so können sie ihre DDR-Altschulden mit geringem Aufwand loswerden. Durch jeden Abbruch sinkt aber die Zahl der Grünauer, was weitere Abbrüche nahe legt. Ein Teufelskreis. Offen bleibt die Frage, was passiert, wenn irgendwann der letzte Block verschwunden oder saniert ist. Sanierte Häuser abzureißen, wäre ökonomischer Wahnsinn, den niemand bezahlen kann. Die Antwort müsste die Kommune mit ihrer "Stadtumbaustrategie Grünau 2020" geben. Dieses Konzept verzögert sich immer mehr. Ein Zeichen dafür, dass die Stadt keine Antwort hat.

Viele neue Aufzüge - Genossenschaften investieren in Plattenbauten

Neben Abrissen planen die Wohnungsgenossenschaften für 2007 in Grünau auch etliche Investitionen. Leipzigs größte Genossenschaft Kontakt wird im Ostseeviertel (WK 8) 27 Aufzüge an Plattenbauten anbringen und Fassaden modernisieren. "Damit sind die Wohnungen im 5. und 6. Stock wieder attraktiv", sagt Vorstand Rainer Löhnert: "Abrisse planen wir nicht." Die Lipsia errichtet weitere Außenfahrstühle in der Uranusstraße (WK 7), außerdem wird der Block An der Lautsche 18-24 (WK 8) vollständig saniert, erhält Loggien, computergesteuerte Heizanlagen und Fahrstühle. Lipsia-Vorstand Wilhelm Grewatsch: "Mit dem bevorstehenden Abriss in der Brackestraße haben wir unseren Beitrag zum Stadtumbau vollständig erfüllt. Weitere Projekte gibt es nicht." Die Wogetra will alle ihre Häuser im WK 5.2, die nicht abgebrochen werden, modernisieren. Die Unitas gestaltet die Fassade in der Zingster Straße 1-5 (WK 8) neu, so Vorstand Hans-Dieter Thomas. Der größte Vermieter in Grünau - die Thesaurus/Gutburg mit 4500 Wohnungen - wird laut Geschäftsführerin Caroline Weber in den nächsten Jahren "definitiv nicht einen Stein" abbrechen.

Leipzigs größter Neubaustadtteil zählt aktuell 46.900 Einwohner. Zur Wendezeit lebten in Grünau etwa 85.000 Leute in 36.000 Wohnungen. Davon wurden in den vergangenen fünf Jahren rund 4000 Quartiere weggerissen.
Leipziger Volkszeitung - Jens Rometsch [18.12.2006]
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