Leitartikel Magazin Grün-AS 11/2006
Liebe Leserinnen und Leser,
den Grünauer haut nichts mehr um. Könnte man meinen. Denken wahrscheinlich viele. Hoffen garantiert einige.
Zumindest wird sein Stadtteil-Patriotismus seit etlichen Jahren erheblich strapaziert und folglich
krankt er an Ermüdungserscheinungen. Könnte man meinen. Denken wahrscheinlich viele. Hoffen garantiert einige.
Erinnern wir uns: Was war das doch für ein gemeinschaftlicher Aufschrei, als die erste Platte in Grünau fiel.
Mit welchem Engagement hat man einst den 20. Jahrestag des Stadtteils gefeiert. Welche Initiativen wurden
ins Leben gerufen, um überall zu demonstrieren: Das ist unser Wohngebiet und wir leben gern hier!
Zugegeben: Die Zeiten waren allgemein viel revolutionärer. Und im TV kam nicht eine Serie nach der anderen,
die man auf gar keinen Fall verpassen durfte. Da war man noch nicht so abgestumpft, sondern hatte quasi
noch den »Erfolg« der Wende im Rücken, dachte stolz an die Blasen, die man sich bei der
montäglichen Ringumrundung geholt hatte, ging zu Versammlungen, unterschrieb Petitionen, plakatierte,
intervenierte, demonstrierte und war der irrigen Meinung, dass Protest - in welcher Form auch immer
dargebracht - letztlich auch Gehör findet.
Hofften garantiert einige. Dachten wahrscheinlich viele. Meinte auch ich. Reichlich naiv, denn die real existierende
Demokratie ist - zumindest global gesehen - gescheitert. Wie sagte der venezolanische Präsident Hugo Chavez am 20.
September vor der UNO: »Man müsste noch einmal die These von Aristoteles nachlesen... « Müsste man
tatsächlich. Schuld an der Misere sind die Damen und Herren Volksvertreter, welche seit jeher dem göttlichen achten
Gebot (sinngemäßer Inhalt: »Du sollst nicht lügen«) zuwider handeln. Könnte man meinen. Glauben
garantiert viele. Denken wahrscheinlich die meisten. Ich nicht. Denn es ist leicht mit dem Finger auf Andere zu
zeigen und selbst resigniert die Hände zu heben. Sicherlich: Es ist frustrierend zu sehen, dass nur allzu oft das
älteste Parteibuch oder die dickste Brieftasche ausschlaggebende Kriterien sind. Beliebt ist auch das Aussitzen
eines Problems - nicht zu verwechseln bitte mit den Sit-ins der 68-er, die das ganze Gegenteil darstellten. Und
genau das könnte die Achillesverse der Politik und die Chance der Grünauer werden. Könnte man meinen. Hoffen vielleicht
schon einige. Wissen aber noch zu wenige. Denn ein dickes Fell kann sich jeder wachsen lassen. Das kostet nichts,
sondern erfordert lediglich Durchhaltevermögen und eine gewisse Phrasenresistenz gegenüber Hinhaltetaktiken und
falschen Versprechungen. So weit die Theorie. Praktisch können die Grünauer nun mit ihrem ureigensten Thema - dem
Stadtumbau - den Nachweis führen, ob die Demokratie auf kommunalpolitischer Ebene tatsächlich als gescheitert
betrachtet werden muss. Schon allein dieses Experiment sollte es wert sein, sich zu engagieren.
Mit einer Initiative gegen die jüngsten Abrissvorhaben im WK 8 (siehe Seiten 4 bis 7) bekommen die Bewohner dieses
Stadtteils neuerlich eine Gelegenheit, ihr dickes Fell zu zeigen. Dazu müssten sich die Grünauer jedoch positionieren,
aufrappeln, ihr fokussiertes Interesse über die eigenen vier Wände, das eigene Haus, den eigenen Straßenzug oder den
eigenen Wohnkomplex hinaus richten und endlich einmal Geschlossenheit demonstrieren.
Meint, denkt und hofft Ihre Klaudia Naceur
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2009
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